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Bleifrei durch Bangkok

Stuttgarter Nachrichten - 8 März 2009

Stop and go auf vielspurigen Highways, Verkehrspolizisten mit Mundschutz. Was läge ferner, als ausgerechnet im Moloch von Bangkok Radtouren anzubieten? Aber die Räder rollen, und André Breuer hat sogar Stammgäste.

Das alte, traditionsreiche Siam und das moderne Thailand sind im ständigen Wettlauf miteinander in Bangkok, etwa wenn die alte Marktfrau mit ihrer wippenden Schultertrage voller Eier gebeugt an den motorisierten Blechmassen vorbeischlurft – und schneller ans Ziel kommt. Das Neueste im hippen Bangkok aber sind Radwegmarkierungen.

Zum Beispiel auf der Sukhumvit Road im trubeligen Hotel- und Barviertel. Die Fahrbahn hat je nach Tageszeit sechs bis zehn Fahrspuren unterhalb der gigantischen Betonpfeiler des Skytrains, der Hochbahn. Den kaum zwei Meter breiten Bürgersteig teilen sich Touristen und Barmädchen, Kaufhausangestellte und Mönche mit chiliwolkenvernebelten Garküchen, überquellenden Souvenirständen, schiefen Telefonzellen und gefährlich gurgeltief hängendem Kabelgewirr.

Und nun auch noch Radfahrer? Wer Bangkok kennt, möchte am liebsten lauthals losprusten.

„Ich war anfangs auch skeptisch bei so vielen Wolkenkratzern, Stau und dicker Luft“, sagt André Breuer. Doch einer wie er, ein ausgewanderter Holländer, der quasi auf dem Rad geboren wurde, wagte es dennoch. Wir starten zu sechst zur Zweirad- Mutprobe und biegen ein in die Rama III. Road, eine Hauptverkehrsader im Süden Bangkoks. Erst mal Position ganz links einnehmen und sich behaupten zwischen gefühlten fünf Millionen Autos, Pick-up-Trucks, im Zweitakt knatternden Tuk-Tuks mit bläulichen Abgasfahnen und ganzen Horden gleichzeitig an den Ampeln aufheulender Mopeds. Macht summa summarum rund eine Tonne Blei am Tag.

Breuers Rat: immer schön links halten, einer hinter dem anderen. In Thailand herrscht nicht nur Linksverkehr, sondern auch das Recht des Stärkeren. Aber es ist nicht so schlimm, wenn man selbst der Schwächere ist, denn die meisten Verkehrsteilnehmer werden als Buddhisten irgendwann wiedergeboren. Nur wir ungläubigen Ausländer nicht. Die Thai am Straßenrand gucken mitleidig oder lächeln, was hierzulande bekanntlich vieles heißen kann.

Aber Breuer wäre mit seiner Tour „Colours of Bangkok“ nicht so erfolgreich, wenn er nicht die anderen Seiten Bangkoks kennen und zeigen würde. Nach 15 Minuten biegen wir ab. Aufatmen. Es folgt eine überraschend gemütliche Radelei entlang von Apartmenthäusern mit Palmengärten, bis plötzlich eine Mauer den Weg versperrt. Ab in den Hinterhof Bangkoks. Wir zwängen uns mit den Rädern und eng angepressten Ellbogen in eine Gasse aus Bretterverschlägen: vorbei an Geisterhäuschen und bunter Wäsche, Wahlplakaten, Blumentöpfen und Satellitenschüsseln. Einige Bewohner in der Armensiedlung von Yannawa sitzen auf ihren Türschwellen und grinsen den Radlern hinterher. „Mind your head“, ruft ein alter Thai mit bloßem hagerem Oberkörper, „passen Sie auf Ihren Kopf auf!“ Wellblechreste ragen in den Weg, Kabel hängen kreuz und quer, es riecht nicht gerade nach Orchideen, denn heute Morgen schwappte der Fluss Chao Phraya noch einen Meter hoch über die Sandsäcke in den kleinen Krämerladen am Pier.

André Breuer hat das labyrinthische Viertel rund um sein Büro monatelang immer wieder kreuz und quer mit dem Rad erkundet und dabei auch die Nachbarn in den Slums kennengelernt. Mittlerweile schätzen ihn viele Bewohner, denn er hat vor Jahren schon einen Kindergarten für Drei- bis Sechsjährige gegründet, den er bis heute mit Spendensammlungen unterstützt, ebenso eine Muay-Thai-Kickboxschule. Wir fahren weiter, quasi mitten durchs Wohnzimmer der Leute, blicken in Kochtöpfe und kleine Familienbetriebe: Sweatshops zum Beispiel, in denen 60 Stunden in der Woche die Nähmaschinen im Akkord rattern, auch am Sonntag, denn die Frauen und Männer werden pro Stück bezahlt.

„So können die Leute, wenn sie gut und schnell sind, mehr verdienen als den Mindestlohn von 190 Baht am Tag in der Fabrik, das sind ja nur zwei Euro“, weiß Breuer, der früher in der Textilbranche gearbeitet hat. Er schätzt, dass rund 1,5 Millionen Bangkoker in solchen Slums wohnen und arbeiten. 20 000 Baht kostet übrigens ein ATB-Komfort-Fahrrad von Breuer, da werden selbst Bangkoker zu Ungläubigen.

„Bist du verrückt?“, fragt ein Mofataxifahrer geschockt, „dafür bekommst du doch ein richtig gutes Motorrad!“ Zu Breuers Tour gehört auch der Blick hinter die glitzernden Kulissen der gigantischen Luxusshoppingcenter, der vor Gold strotzenden Tempel und Klöster, der prächtigen Hotellobbys und wohlriechenden Spa- Oasen. Die schönste Gegend der Radtour aber kennt kaum ein Bangkok-Bewohner.

Sie ist auf keinem Stadtplan verzeichnet. Auch Breuer hat diese grüne Lunge von seinem partmenthochhaus aus entdeckt: der Park in Phra Padaeng auf der anderen Seite des Chao Phraya. Er ist der Königin gewidmet.

Wir setzen mit dem knatternden Longtailboot über. Drüben rollen die Räder entlang von Kanälen und Seen unter einem dichten Dach aus Kokospalmen, Bananenstauden, Mango- und Papayabäumen.

Schmetterlinge vor der Nase, Warane im Dickicht, Hibiskus an Gartenzäunen. Alte Holzhäuser stehen auf almstammpfählen mitten im Wasser. Auf den Betonstegen überholen wir einen Mann mit einer Karre voller Kokosnüsse.

„Sawadikaaa!“ Nach drei Stunden grüner, dschungelartiger Oase, wenn man fast schon nicht mehr glaubt, in Bangkok zu sein, zeigen sich in der Ferne wieder die ersten Hochhäuser. „Zurück in den Betondschungel“, ruft Breuer. Unglaublich: Wir waren während der 25-Kilometer-Tour nie mehr als fünf Kilometer Luftlinie vom Albtraum Sukhumvit Road und ihrer schon verbleichenden Radspur entfernt.

Martina Miethig

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